#13 Mariane Pöschel: Als Zwangsarbeiter bei den Hamburger Wasserwerken

Shownotes

Zwangsarbeit war während des Zweiten Weltkriegs in Hamburg keine Randerscheinung, sondern ein Massenphänomen. Rund 500.000 Menschen wurden aus unterschiedlichen Nationen und Gründen gezwungen, für das Deutsche Reich zu arbeiten. Einer von ihnen war Marino Ruga aus Italien. Nach der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 kam er nach Hamburg und wurde hier zwei Jahre interniert und zur Arbeit bei den Hamburger Wasserwerken gezwungen.

Wir haben in der aktuellen Folge von 33 Badewannen mit Historikerin Mariane Pöschel gesprochen, die sich mit dem Thema bereits seit ihrem Studium auseinandersetz, mittlerweile auch in ihrer Funktion als Kuratorin bei der Stiftung Wasserkunst Kaltehofe.

Anregungen wie immer gern an redaktion@hamburgwasser.de

Hintergründe Interaktive Karte zur Zwangsarbeit in Hamburg: https://zwangsarbeit-in-hamburg.de/ Zum Tagebuch: imiinhamburg.wordpress.com/wp-content/uploads/2023/10/projektgruppe-imi_ruga-tagebuch_digital_2023.pdf Projektgruppe IMI: https://imiinhamburg.com/ Stiftung Wasserkunst Elbinsel Kaltehofe: https://wasserkunst-hamburg.de/

Transkript anzeigen

00:00:03:

00:00:10: Ja,

00:00:17: herzlich willkommen zu einer Premiere bei Dreiunddreißig Badewan.

00:00:21: Wir machen heute nämlich mal ein Geschichtspodcast!

00:00:24: Wir schauen in die Vergangenheit genauer auf den achten September, und damit auf ein dunkles Kapitel unserer Unternehmensgeschichte Nämlich auf die Geschichte von NS-Zwangsarbeitern, italienischen NS- Zwangsarbeitern, die auch bei den Hamburger Wasserwerken gearbeitet haben.

00:00:37: Und wir tun es nicht alleine?

00:00:39: Nein!

00:00:39: Wir haben eine Historikerin gewonnen, Marianne Pöschel und wir eingeladen.

00:00:43: Schön dass du da bist, Marianna.

00:00:45: Hallo, schön, dass ich dabei sein darf.

00:00:47: Marianne vielleicht noch kurz zu dir... Du arbeitest als Kuratorin bei der Stiftung Wasserkunst kalte Rufe.

00:00:52: Du bist Historikerinnen und KulturvermittlerInnen.

00:00:54: Du hast Geschichte Osteuropa Studien und Public History in Hamburg & Berlin studiert und hast ... Auch das wird noch relevant.

00:01:02: Deine Masterarbeit zu Orten des Gedenkens an NS-Zwanksarbeit, Zwangsarbeit in Hamburg geschrieben?

00:01:07: War das so einigermaßen richtig?

00:01:09: Genau!

00:01:09: Das stimmt.

00:01:10: Deswegen finde ich es auch besonders spannend, das Thema Zwangserbeit jetzt hier auf kalte Rufe zu beleuchten und für die Hamburger Wasserwerke generell.

00:01:17: Ja wunderbar.

00:01:17: Und ich glaube dass passt auch ist ja wirklich so'n perfect Match.

00:01:20: Ich habe nur noch eine letzte Vorbemerkung.

00:01:22: dann steigen wir ins Gespräch.

00:01:23: einen neben dir als Expertin haben wir nämlich auch das Glück sozusagen einen dritten Gesprächspartner als Zeitzeugen dabei zu haben.

00:01:30: Es gibt nämlich einen Tagebuch aus der Zeit von Marino Ruga, dass die Initiative italienischer Militärenternierter kurz IMI mit unserer Unterstützung als Buch herausgegeben hat und einige dieser Einträge dieses Tagebruchs liegen auch als Audiform vor.

00:01:44: Gesprochen vom Schauspieler Riccardo Ferreira und die können wir gleich auch noch mit einspielen.

00:01:48: also ein Gespräch mit Marianne, mit dir, mit der Vergangenheit und über die Vergangert und lass uns da vielleicht einmal einsteigen und in der Zeit zurückspringen.

00:01:56: Vielleicht kannst du uns diesen Marino-Ruga Einmal vorstellen.

00:02:00: Wer ist das?

00:02:00: Wo kommt er her und wie kommt er nach Hamburg?

00:02:03: Ja, gerne.

00:02:04: Marino Ruga ist neunzehntundzwanzig im Piedmont geboren in Italien.

00:02:08: Sein Vater arbeitete dort bei der italienischen Eisenbahn.

00:02:12: Seine Mutter war Hausfrau.

00:02:14: Er hatte noch zwei weitere Brüder.

00:02:17: Und er ging bis zur fünften Klasse in die Schule und hat nach seinem Abschluss neunzigunddreißig zuerst als Landarbeiter gearbeitet und später in einer Porzellan-Fabrik.

00:02:28: Er war dann in der Zeit des Zweiten Weltkrieges Soldat für die italienische Armee und hat zunächst in Albanien gekämpft.

00:02:37: Er hat in dieser Zeit, als er zurück in Italien teilweise war, seine spätere Frau kennengelernt zu der er dann auch teilweise Kontakt hatte während des Krieges.

00:02:46: Er wurde dann aber nineteenhundertdreiundvierzig eben nach Deutschland deportiert.

00:02:51: Zunächst in das Kriegsgefangenen Lager Sandbostel und dann später eben nach Hamburg, konkret eben in ein Lager der Hamburger Wasserwerke für die er dann zwangsarbeit leisten musste.

00:03:02: Jetzt haben wir dieses Tagebuch – das ist ja nicht so ganz selbstverständlich!

00:03:06: Und es hat irgendwie auch eine spannende Geschichte, dass das zu uns gekommen ist.

00:03:10: Wie ist das denn passiert?

00:03:12: Das ist sehr besonders, weil es wirklich wenig solcher Zeitzeugnisse gibt.

00:03:17: Gerade hier jetzt für Kaltrofe, auch für die Wasserwerke haben wir wenig Quellen.

00:03:20: Oft sind das Listen aber wirklich keine eben persönlichen Zeitzeugnisse.

00:03:25: deswegen ist dieses Tagebuch ganz besonders und das kam tatsächlich über den Sohn von Marino Ruga nach Hamburg, Gianni Ruga.

00:03:32: der hatte sich im Jahr sehr lange in Hamburg an die Stiftung Hamburger Gedenkstätten- und Lernorte zu denen auch Neuen Gamme gehört gewendet und wollte mehr über das Schicksal seines Vaters erfahren Weil er hatte in dem Nachlass von seinem Vater eben Tagebuchaufzeichnungen.

00:03:51: Das waren so eine lose Blatt-Sammlung, verschiedene Zeugnisse gefunden, in denen der Vater über seine Zeit in Hamburg die Zwangsarbeit hier berichtet.

00:04:01: Aber zu Lebzeiten hatte er mit seinen Vater gar nicht darüber gesprochen, sondern er wusste nur ... Der Vater war irgendwie in Zeiten des Krieges in Deutschland aber was konkret passiert ist, wusste Gianni Ruga gar nicht und hatte sich erhofft über Kontakte in Hamburg auch mehr Kontext zu bekommen.

00:04:19: Neun Gamme hat ihn dann unter anderem eben an die schon erwähnte Projektgruppe Italienische Militärinternierte verwiesen, mit denen er dann in Kontakt

00:04:25: kamen

00:04:26: und mit ihm zusammengearbeitet haben.

00:04:28: Und aus der Zusammenarbeit dann eben auch die Übersetzung dieses Tagebuchs – auch mit einem historischen Kontext ins Deutsche entstanden ist, weil in Italien hatte der Sohn das Tagebuch eben auch schon veröffentlicht.

00:04:39: und so eine enge Zusammenarbeit mit der Initiative Ja

00:04:46: interessant und für uns gilt das ja in Wahrheit auch.

00:04:48: Also du hast es ja schon, wir haben eigentlich eher die Listen.

00:04:51: Wir hören jetzt mal zusammen in den ersten Tagebuch Eintrag rein, den ich mitgenommen habe der datiert auf dem siebzehnten Oktober nineteen dreinvierzig also rund einen Monat nach Der ankunft.

00:05:02: hier in Hamburg oder Ich weiß gar nicht wann ist marineruga?

00:05:04: Eigentlich genau angekommen.

00:05:05: also der waffenstillstand war Haben wir schon erwähnt am achten september also ungefähr ein monat später

00:05:14: Hamburg, siebzehnte Oktober, nineteenhundertdreiundvierzig.

00:05:18: Der Tag verlief ruhig.

00:05:21: Wetter mittelmäßig, Nebel und Sonne.

00:05:25: Vorläufig ist die Behandlung, die wir erhalten nicht schlecht außer dass wie in geschlossenen Räumen untergebracht sind ohne Fenster denn ansonsten wäre es kein Schutzraum mehr.

00:05:35: Die Öfen funktionieren.

00:05:37: Lebhafte Diskussionen, die das morgen voraussagen bleiben nicht aus.

00:05:40: aber unsere Heimat Unsere Lieben sind in diesem Moment weit weg.

00:05:46: Und sie wissen nichts über unsere gegenwärtige Situation.

00:05:52: Weitere Diskussionen, die sich ergeben, sind die Überlebensmittel!

00:05:55: Der Hunger zwingt uns dazu.

00:05:58: Heute sperrliche Verpflegung und morgen fange ich an zu arbeiten.

00:06:02: Als ich einmal hinaus ging um ein bisschen frische Lob zu schnappen, musste ich wieder einmal feststellen dass zwischen diesen zerstörten Mauern nix als Grabesstille herrscht.

00:06:13: Während man mit Ausnahme einiger Polizisten Keine Menschen herumlaufen sieht.

00:06:18: Das große Hamburg ist ein echter Friedhof!

00:06:24: Ist das in allen Teilen der Stadt so?

00:06:26: Ja, Hamburg – einen Friedhof schreibt Marino im Jahr nineteen dreieinvierzig.

00:06:31: In den kommenden Jahren spricht er immer wieder vom Hunger von den schweren Bedingungen auch bei der Arbeit über das Vermissen und die Ungewissheit.

00:06:37: Eine Stelle ist mir dann später noch ganz besonders in Erinnerung geblieben da will er sein Silbering auf dem Schwarzmarkt verkaufen.

00:06:44: also Die Not treibt ihn dann sozusagen selbst dazu seine persönlichen Dinge und seine wertvollsten Dinger, dann auch abzugeben.

00:06:51: Ich glaube das klappt dann auch nicht oder zumindest schreibt er davon.

00:06:55: Wie kann man sich so einen typischen Tag von einem militär internierten einem italienischem?

00:07:00: Militär internin oder von marino ruga vorstellen Marianne?

00:07:05: Ja genau wie gesagt aufgrund der schwierigen Quellenlage ist es gut bei Marino Ruger zu bleiben weil wir das sonst genau nicht so für allgemeinern können und marino Rugar dass eben auch ganz plastisch beschreibt, eben wirklich das Frühaufgestanden werden muss.

00:07:19: Dann die italienischen Militärinternierten auch Marino Ruga zu ihren verschiedenen Arbeitsorten gehen oder fahren mussten und dann wirklich den ganzen Tag eigentlich körperlich schwere Arbeit leisten mussten.

00:07:33: Teilweise gab es an den Orten ein bisschen was zu essen, das beschreibt er auch in seinen Tagebuchaufzeichnungen und sonst eben in den Lagerstandorten.

00:07:43: Und es wird ja sehr präsent dass dieses Thema Hunger eben wirklich sehr wichtig ist.

00:07:47: also diese Beschaffung von zusätzlicher Nahrung gerade wenn's in den Unterbringungsorten wirklich nur ganz wenig zu Essen gab bestimmt dort wirklich Tag und auch die Kommunikation ja untereinander, also mit den anderen Gefangenen.

00:08:02: Wie kann man zusammen an Essen kommen?

00:08:04: Wie kann Man zusammenhalten?

00:08:05: Also das sind eigentlich prägende Eigenschaften.

00:08:08: Und sonst war wirklich der Tag eben geprägt von der Arbeit und Marine Ruger beschreibt eben auch konkret diese Arbeit hier auf kalte Rufe.

00:08:16: Der immer liegen genau Sandfiltrationsanlage vor Hamburg, wo es wirklich um die Reinigung dieser Sandfilter hier ging Und auch das Entstand halten dieser ganzen Anlage und er verweist ja eben auch schon auf die Bombardements, die eben in der Zeit ab dreiundvierzig hier in Hamburg auch stattgefunden haben.

00:08:34: Also auch unter lebensbedrohlichen Bedingungen diese Arbeit dann hier vorzuführen und auch diese Gegebenheiten in der Stadt Hamburg damit zu bekommen.

00:08:46: Weiß man denn wie viele Menschen bei den Hamburger Wasserwagen gearbeitet haben?

00:08:50: In dieser Zeit also Zwangsarbeit leisten mussten?

00:08:53: gearbeitet kann man vielleicht gar nicht sagen Ja,

00:08:56: genau.

00:08:57: Da gibt es eben auch verschiedene Kategorien.

00:08:59: also es gibt einmal die sogenannten zivilen Zwangsarbeitende.

00:09:03: das waren Menschen aus ganz vielen verschiedenen Nationen auch Europas die nach Deutschland zur Arbeit deportiert wurden.

00:09:11: dann gibt es die Kriegsgefangenen und die italienischen Militärenternierten Und dann auch KZ-Heftlinge die eben aus den Außenlagern von Neuengamme hier in Hamburg Stadtgebiet auch Zwangsarbeit leisten mussten.

00:09:22: Also es gibt diese drei verschiedenen Kategorien und dort gibt es für Hamburg Wasser verschiedene Angaben oder Schätzungen, also vermutlich waren ungefähr zweirundert KZ-Heftlinge für die Hamburger Wasserwerke im Einsatz und auch mehrere hundert andere Zwangserbeiten, also mindestens zweihundertdreihundert.

00:09:42: Es können aber auch mehr gewesen sein.

00:09:44: dadurch dass die Quellenlage eben nicht so sehr gut ist lässt sich das nicht ganz genau belegen Aber man kann von mehreren Hundert auf jeden Fall sprechen, die über den Zeitraum.

00:09:54: Und wie muss ich mir das vorstellen?

00:09:55: Sind die dann quasi in eigenen Trupps gesondert von der eigentlich arbeitenden Schicht irgendwie unterwegs oder ist es durchmischt oder sind die... Also wie kann ich mir dass so vorstellen?

00:10:08: also aus unserer Zeit jetzt ist eigentlich nicht mehr so richtig vorstellbar aus meinem Arbeitsleben.

00:10:13: aber wie kann man sich das vorstellen?

00:10:17: Wie lief das dann?

00:10:17: War das völlig normal, dass im Arbeitsalltag auch ein Zwangsarbeiter an der Seite steht und es ist völlig klar aber auch, dass der ein Zwanksarbeiter ist.

00:10:23: Und dass er nicht nachher zu seiner Familie nach Hause geht sondern in eine Baracke, wo Hunger leidet.

00:10:29: Genau also zwangsarbeit war eben einen Massenphänomen in der Zeit.

00:10:32: Also es gab insgesamt im deutschen Reich dreizehn Millionen Zwangsarbeitende eben aus ganz Europa und in Hamburg ungefähr fünfhunderttausend Menschen, also es war wirklich eine große Menge der Zeit des Krieges.

00:10:44: In einigen Betrieben stellten zu bestimmten Zeiten wirklich über sechzig Prozent der Belegschaft Zwangserbeitende.

00:10:51: Also deswegen ist es auch besonders wichtig zu verstehen dass quasi diese Kriegswirtschaft und auch die Aufrechterhaltung des Lebens in Hamburg ohne eben dieser Arbeit der Menschen, die dazu gezwungen wurde gar nicht hätte aufrecht erhalten werden können.

00:11:03: Deswegen waren die Menschen Stadtbild schon sehr präsent.

00:11:07: Und eben auch teilweise, da kommt es jetzt wieder auf die Kategorie der Zwangsarbeit an und wo die Menschen herkamen, eben auch konkret an den Arbeitsstellen mit deutschen Arbeitskräften.

00:11:18: Das wurde aber ganz lange auch im Nachhinein nicht als Kriegsverbrechen angesehen, sondern eben als eine natürliche Gegebenheit, legitime Art und Weise des Krieges genau diese Kriegswirtschaft auch recht zu erhalten.

00:11:33: Deswegen war das auch nach dem Krieg und lange Zeit gar nicht wirklich als Thema anerkannt, aber tatsächlich eben ganz präsent.

00:11:41: Und besonders auch die Arbeitsorte und auch die Lagerorte.

00:11:45: Es gibt von einer Hamburger Historikerin Frederike Littmann eine interaktive Karte, die würde ich jedem empfehlen.

00:11:52: Da kann man sich Hamburg angucken und sie hat eben verzeichnet aufgrund von verschiedenen Quellen diese recherchiert hat wo in Hamburg eigentlich überall Lager von Zwangsarbeitenden waren.

00:12:02: Und da ist es ja immer irgendwie ganz spannend, wenn man zum Beispiel bei seinem eigenen Wohnort schaut und das auf dieser Karte dann auch sehr eindrücklich... Zum Beispiel auch hier in der Nähe von Kaltrufe.

00:12:13: Tiefstark, Hammerbrug diese ganzen Gegenden wo es eben auch sehr viel Industriebetrieb gab ist wirklich auf der Karte zu sehen sind einigen Straßen wirklich an jeder Hausnummer ist eben ein Lager für Zwangsarbeitende gab oder eben auch schon im Gebieten genau eben viele Industrie oder andere Arbeitsorte waren.

00:12:32: da ist das sehr auffällig aber auch sehr unterschiedlich.

00:12:36: man kann sich das nicht so.

00:12:38: Homogenvorstellungen, also Zwangsarbeitende waren sowohl in Barrackenlagern zum Beispiel untergebracht.

00:12:42: Aber auch in alten Gaststätten die gerade nicht mehr benutzt wurden, in Schulgebäuden... Also das war auch sehr unterschiedlich je nachdem was in dem Stadtteil gerade auch zur Verfügung stand und was genutzt werden konnte.

00:12:56: Und deswegen war es umso präsenter eigentlich in der ganzen Stadt.

00:13:00: Ja ich bin Jahrgang eighty-seven und ich erinnere mich noch dass meine Eltern und in der Diskussion als Ich aufgewachsen bin war ja immer noch viel in der Diskussion, hat man das überhaupt alles mitbekommen?

00:13:12: Konnte man das überall mitbekommen?

00:13:13: und neuen Gamme liegt ja bewussterweise auch ein bisschen aus der Stadt heraus.

00:13:18: Das KZ und da könnte man hätte man ja sagen können.

00:13:21: aber es gibt eben auch diese ganzen Bilder von den KZ-Heftlingen die dann auf dem Rathausplatz glaube ich irgendwie kehren.

00:13:27: und wenn du sagst wirklich fünfhunderttausend ist für dich eine erstaunliche Zahl das heißt ja fast jeder zweite Du sagtest gerade in einem Betrieb auch sechzig Prozent.

00:13:35: also Selbst wenn das Phänomen der Vernichtungslager oder diese industrielle Vernichtung von Menschen vielleicht nicht ganz so bewusst war, aber das muss ja doch deutlich zu spüren gewesen sein.

00:13:48: Aber wurde dann vielleicht auch wie du sagst im Nachgang gar nicht erstmal so problematisiert?

00:13:51: Hat sich das denn verändert mittlerweile also die Aufmerksamkeit auf das Thema und der Blick darauf?

00:13:57: Also einmal muss man eben differenzieren zwischen diesen Lagern für zivile Zwangsarbeiten und Kriegsgefangene.

00:14:03: Und eben den Lagern von KZ-Heftlinge, die wirklich in den KZ Außenlagern vom neuen Gambe untergebracht waren, wo die Lebensbedingungen noch mal viel schlechter und prekärer waren als in den lagern für civile Zwangsarbeitende.

00:14:17: Aber diese waren eben auch im Stadtgebiet verteilt.

00:14:19: Also zunächst gab es eben das Stammlager in Neugamme, was ja tatsächlich ein bisschen außerhalb ist.

00:14:23: aber eben die Außenlager, die dann im Verlauf des Krieges entstanden, zum Beispiel hier in Rotenburgsort Hammerbrook und den angrenzenden Stadtteilen Fettel-Tiefstack waren wirklich im Stadtgebiet selber.

00:14:39: Dort gab es eben auch diese Arbeitskommandos, dass die KZ-Heftlinge eben auch wieder hier auch kalt rufe.

00:14:45: Aber auch genau bei anderen Industriebetrieben zur Arbeit gehen oder gefahren wurden.

00:14:50: also das heißt das war wirklich auch präsent in der Stadt und die Menschen waren auch sichtbar für die deutsche Bevölkerung.

00:14:56: Also einmal durch bestimmte Abzeichen die getragen werden mussten und bestimmte Kleidung.

00:15:01: Genau deswegen sowohl die zivilen Zwangsarbeiten als auch die Kz-HeFTlinge waren in der auf jeden Fall sichtbar.

00:15:08: Und zu deiner zweiten Frage, genau also das Thema generell Zwangsarbeit war lange eben eher dann auch durch zivilgesellschaftliche Organisationen präsent.

00:15:17: Also die Geschichtswerkstätten, die dann überall in Deutschland aber auch in Hamburg entstanden sind, zivil gesellschaftliche Gruppen, die sich für die Aufarbeitung eingesetzt haben und verstärkt in den Achtziger, Neunziger Jahren.

00:15:30: bis es dann eigentlich auch gerade in der akademischen Forschung mehr zum Thema wurde.

00:15:35: Aber dennoch ist dieses gesonderte Thema Zwangsarbeit in diesem komplex NS-Geschichte oder Aufarbeitung trotzdem jetzt für die breite Bevölkerung immer noch recht wenig behandelt, grade so Themen wie die italienische Militärinternierten, die noch ein bisschen komplexer sind.

00:15:52: das taucht eigentlich wenig auf.

00:15:54: In Hamburg gibt's eben auch keinen zentralen Gedenkort zum Thema NS-Zwangsarbeit.

00:15:59: Es gibt eben genau natürlich die Gedenkstätte Neungamme, die dann ja auch die Zwangsarbeit durch KZ-Heftlinge thematisiert und auch die Geschichte der Außenlager.

00:16:08: Aber sonst ist das Gedenken tatsächlich sehr dezentral aufgebaut in den unterschiedlichen Stadtteilen wie gesagt durch verschiedene Initiativen kleine Gedenksymbolen Plaketten aber tatsächlich oftmals eben auch eher versteckt dass man genau das tatsächlich auch finden muss als interessierte Person.

00:16:27: Ja ich finde auch, also ich bin ja zu Hamburg Wasser gekommen und mit diesem militär internierten italienischen Militär interniert zum ersten mal überhaupt in Berührung gekommen.

00:16:36: Mit dieser Geschichte das war mir eben auch gar nicht so bewusst.

00:16:39: wir kommen jetzt nochmal vom allgemeineren wieder ins spezielle nämlich zu Marino Ruga.

00:16:43: Und das gesamte Tagebuch kann man sich im Internet anschauen Man kann es auch lesen man kann bei euch einen kalten Hof aufbekommen.

00:16:50: Den Link packen wir ebenso wie den link zu der Karte die du gerade erwähnt hast gerne die Show Notes.

00:16:54: da könnt ihr dann mal reinschauen.

00:16:56: Ich spring jetzt aber noch mal einmal ins Tagebuch rein.

00:16:58: Wir wollen noch einen der letzten Einträge uns anhören, Hamburg, dem Herzen der März, und ich spiele das mal

00:17:06: ab.

00:17:17: In den Räumen, hinter Eisernen und hermetisch verschlossenen Türen eingeschlossen warten alle verängstigt und mit Herzrasen auf die ersten Einschläge oder besser das erste massenhafte Donnern.

00:17:40: Die ersten Bomben fallen mit einer immer größer werdenden Gewalt und sind auch im Schutz der Betonmauern zu spüren.

00:17:46: Schrecklich ist die Luftverdringung oder Lufttreibung, die durch die Bomben verursacht wird, die im Begriff sind dem Boden zu berühren.

00:17:54: Nach den Explosionen findet nun das einzigartigste und eindrucksvollste Eignis statt.

00:17:59: Der Schutzraum wird wie ein Baum vom Wind geschüttelt, es scheint dass er umkippen oder zerschellen müsse.

00:18:05: wer in diesem Moment an der Wand lehnt würde sie sich biegen spüren mit der Elastizität eines Astes der von wind gebogen wird.

00:18:13: all dies geschieht innerhalb weniger Sekunden vielleicht dreißig aber die Nervenanspannung aller ist riesig.

00:18:19: während die Ohren höchst gespitzt sind die Herzen angstvoll pochen die Augen alle aus den Augenhölen her vortreten werden einige Frauen überwältigt vor Aufregungen ohnmächtig.

00:18:30: Die erste Formation ist vorüber, die erste Gefahr ist vergangen – aber nun nach einigen Minuten kündigt das immer noch laufende Radio die Ankunft anderer Formationen an!

00:18:40: Weiteres Pfeifen, weitere Bomben, weiteres Dröhnen und die Herzen zittern.

00:18:46: Während des Wartens hat man tausend Gedanken und Vorahnungen, aber eine außergewöhnlich große Freude hat uns ergriffen und macht uns wegen der Gefahr, der wir wieder einmal enttronnen sind...

00:18:59: Ja, ich finde dass dieser aus dieser kurze Eintrag auch noch mal zeigt was für eine Sprache das hat.

00:19:07: Dieses Tagebuch Marcino Huber beschreibt es ja wirklich sehr eindrucksvoll mit vielen Adjektiven und sehr poetisch diese Situation im Bunker.

00:19:16: Ich habe mich relativ naiv aber auch erst einmal gefragt bei all den furchtbaren Bedingungen von Hunger Von Arbeit.

00:19:24: Zumindest hatte er ja die Möglichkeit, am Ende des Krieges auch einen Platz im Bunker zu bekommen.

00:19:29: Du hast ja schon gesprochen es gab so unterschiedliche Situationen.

00:19:34: woran lag das denn dass jemand wie Marino Ruger dann dann auch in ein Bunkern zumindest kam?

00:19:41: Das war sehr unterschiedlich.

00:19:42: Bomberdierungen waren für die Zwangsarbeiten natürlich oft ein bisschen zwiespaltig, weil auf der einen Seite gehofft wurde dass durch die Bombardierung der Alliierten nahe zu Deutschland irgendwann kapituliert und sie wieder nach Hause können also das Leid eben ein Ende findet.

00:19:55: andererseits waren eben hier vor Ort und auch viele zwangsarbeitenden Staben, auchgrund der Bomberdierung.

00:20:01: Das heißt es war natürlich eine reale Gefahr, auch wenn das dann mit hoffen verbunden war dass dadurch vielleicht eine Befreiung eintritt.

00:20:08: deswegen war's tatsächlich ein bisschen zwiespaltig Und es war auch eben so, dass Zwangsarbeiten oft nicht in die Bunker konnten.

00:20:16: Also das war unterschiedlich also KZ-Heftlinge.

00:20:19: Es gab da gar keine Bunkern oder sie wurden eben nicht reingelassen.

00:20:23: Genau jetzt hier bei Marino Ruder ganz konkret beschreibt er die Situation ja nicht.

00:20:27: Da können wir nur spekulieren.

00:20:28: aber genau manchmal war's dann eben auch möglich, dass die Zwangserbeitenden in den Bunkeren konnten Aber ganz oft eben nicht und mussten dann ja auch die Bombentrümmer oftmals wegräumen, also gerade für die Außenkommandos der KZ-Heftlinge ist das bekannt aber eben auch bei anderen Zwangsarbeitenden.

00:20:47: Also unter diesen lebensbedrohlichen Bedingungen dann auch während Bombadierung oder danach eben diese Schäden in der Stadt Hamburg wieder zu beseitigen weil genau natürlich die deutsche Bevölkerung sich das nicht machen wollte.

00:21:01: Deswegen war es eine schwierige Lage.

00:21:03: dann auch des Kriegsende.

00:21:05: Weiß man eigentlich wie viele der Menschen, die als militärinternierte hier gearbeitet haben wieder zurückkehren konnten?

00:21:12: Gibt es da so eine Zahl

00:21:13: oder...?

00:21:15: Also ist es... Man weiß ungefähr dass zwölf Tausend Menschen aus Italien eben hier Zwangsarbeit leisten mussten.

00:21:23: Ungefähr tausend sind in Hamburg gestorben und wurden ermordet.

00:21:28: Genau also das sind so bekannte Zahlen, die man hat Und dann war das genau eben.

00:21:33: Also Marino Ruga wurde auch hier in Hamburg dann befreit, und dann mussten die Menschen ja auch ihre Wege erstmal wieder nach Hause finden oder erst mal gucken.

00:21:42: Wer hat eigentlich von meinen Verwandten überlebt?

00:21:45: wie komme ich jetzt überhaupt nach Hause?

00:21:46: Von Hamburg nach Italien ist es eine Strecke im zerstörten Europa.

00:21:52: Also das vergisst man auch oft, dass jetzt mit Kriegsende, achten Mai, im April, nicht vorbei war.

00:21:57: Sondern die Menschen dann ja auch erst mal gucken mussten wie sie wieder nach Hause kommen und sich da dann ihr Leben wieder aufbauen.

00:22:04: Also wirklich ein ganz besonderes Zeugnis was wir hier vorliegen haben bei dem ich eben empfehlen kann da einfach nochmal selber reinzuschauen.

00:22:13: Jetzt haben wir ja... Ich habe es gerade schon gesagt kalte Hofe der Arbeitstuhl.

00:22:16: Marianne vielleicht kannst du dazu auch noch zwei Sätze gleich sagen was ihr als kalte hofer eigentlich macht Und wieso sich Kalt Rofen und Hamburg Wasser eigentlich auch entschieden haben, diesem Kapitel, also diesen Kapitel unserer Unternehmensgeschichte einen Ort zu schaffen.

00:22:30: Wie der so beschaffen ist.

00:22:32: als Gedenkort

00:22:34: Ich arbeite für die Stiftung, die sich eben hier auf der Elbinse Kaltrufe befindet.

00:22:39: Und wir betreuen ein Gelände, was ein ehemaliges Wasserwerk war und eine langsamen Sandfiltrationsanlage wie das heißt.

00:22:46: also hier wurde eben Wasser aus der Elbe und später Grundwasser gefiltert für die Wasserversorgung der Stadt Hamburg.

00:22:53: tatsächlich fast hundert Jahre von eighteenhundertdreiundneunzig bis neunzehnhundertneunzig.

00:22:58: Und wenn wir auf dieses Thema zurückkommen, eben auch in der Zeit des Nationalsozialismus gab es Menschen wie Marino Ruga.

00:23:05: die dann eben zur Aukrechterhaltung dieses Betriebes hier vor Ort gezwungen wurden, diese Arbeiten hier zu übernehmen.

00:23:11: Aber natürlich unter ganz anderen Bedingungen als vorher die Deutschen beschäftigten.

00:23:16: und das Besondere ist auch hier dass es sowohl italienische Militärinternierte gab, die hier arbeiten mussten aber eben auch ein Außenkommando des KZ Neuen Gamba beziehungsweise der Außenlager in der Nähe gab wo eben auch KZ-Heftlinge dann wie schon erwähnt gerade die Bomben schäden, die es auch hier auf dem Gelände gab.

00:23:35: bombadiert, war eben beseitigen.

00:23:38: Also deswegen können wir hier vor Ort tatsächlich mehrere Geschichten zum Thema Zwangsarbeit und NS-Zeit erzählen.

00:23:45: Und das ist hier bisher noch nicht genau für alle Öffentlichkeit groß präsent gewesen.

00:23:51: Es gibt auch dem Gelände seit jetzt fast zehn Jahren, seit Jahrzehnten ein Denkmal was hier aufgestellt wurde von Hamburg Wasser was aus der Initiative auch wieder eines Angehörigen entstanden ist.

00:24:03: Manfred Hesselstahl, dessen Vater eben auch italienischer Militärinternierte bei den Hamburger Wasserwerken war, wer das mit initiiert hatte und das steht hier auf Kalterofe da sind Namen auch verzeichnet und so ein kurzer historischer Kontext und wir wollen es aber etwas größer fassen also einmal ein bisschen weiterführende Informationstafeln dazu aufstellen und eben auch einiges an Führungsangeboten hinzufügen, weil wir das tatsächlich bisher genau als Teil unserer allgemeinen Führung verpacken.

00:24:32: Aber da können die Themen natürlich nur sehr kurz auch gegriffen werden, weil sie in der ganzen hundertjährigen Geschichte von Kaltrufe quasi auftauchen.

00:24:41: Und da starten wir jetzt eben auch anlässlich des achten Septembers mit einer ersten Führungen am sechsten September zum Thema die Hamorga Wasserwerke im Nationalsozialismus mit Fokus die italienischen Militärinternierten und wollen das dann eben aber auch ausführen, also jeden Monat eine Führung anbieten oder auch als gebuchtes Angebot.

00:25:00: So dass quasi die Themen ja Einschluss oder genau hier in unser ganzes Programm auftauchen und da immer gebucht werden können.

00:25:10: Wunderbar, der sechste September wird wahrscheinlich schon wenn ihr diese Folge hört vorbei sein aber auf der Webseite bei euch auf kalte hofe ist ein wunderbarer Terminkalender gepflegt.

00:25:21: Der dann solche Führung auch zeigt und ich glaube man kann.

00:25:25: also Ich kann es mir jedem empfehlen auch sowieso mal nach kalter hofe zu fahren.

00:25:29: jetzt Wenn die Tage noch ein bisschen wärmer sind das eine wunderbare Radausflug da raus in die Natur Und gleichzeitig lernt man sehr viel über Die Geschichte der Wasserversorgung, aber eben auch über diese Geschichten.

00:25:45: Ja Marianne ganz herzlichen Dank dass du uns da heute hast so mitnehmen lassen.

00:25:49: ich hoffe ihn und euch hat es gefallen als etwas neue Erkenntnisse gegeben.

00:25:55: Ich habe auf jeden Fall sehr viel gelernt.

00:25:56: Ich wusste gar nicht das ist fünfhunderttausend also die Zahl hab ich wirklich noch nie gehört.

00:26:01: Irre in Hamburg, ich meine Hamburg zu der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

00:26:05: Wie haben denn überhaupt in Hamburg gewohnt?

00:26:07: Weißt du das auch?

00:26:07: die Verkurszahl war ja nicht zwei Millionen wie jetzt sondern wahrscheinlich... oder?

00:26:13: Naja Ich glaube also ja Ja, es sind mehrere Millionen waren

00:26:18: auch

00:26:19: schon genau so ganz klein weil die Bevölkerung Anzahl auf jeden Fall nicht aber

00:26:23: Aber ja es ist schon ein erheblicher Anteil.

00:26:25: Also sehr interessant, Marianne.

00:26:26: Tausend Dank und wenn Sie, wenn Ihr Anmerkungen habt wie immer unsere Webseite, unsere E-Mail-Adress-Redaktion.

00:26:34: Das war

00:26:35: Drayumdreißig

00:26:36: Badewand.

00:26:38: Dein Podcast von

00:26:40: Hamburg Wasser.

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